Communities sind tot – Es leben Communities / Meine Bindungsängste



 

Man hätte auch Vereine, Organisationen, Parteien oder jegliche andere Form der organisierten Vernetzung von Personen nennen können. Jeder, der in einem Verein aktiv ist, wird feststellen, dass es einen gewissen Mitgliederschwund gibt, oder wenn es gut läuft eine Menge von passiven Mitgliedern. Will man nicht mehr im Verein helfen? Ich glaube, dass dies nicht der Hintergrund ist. Viel mehr entsteht eine Kultur von Ad-Hoc Zugehörigkeit – oder Bindungsängste.

Auch im Zeitalter von Web2.0, User Generated Content und Social Everywhere bleibt das Internet nicht von diesem Trend verschont. Communities waren früher der Online Abbild von Vereinen wie die E-Mail zum Brief. Es gibt ein Moderator, der genauso gut der Vorstand eines Vereines sein kann. Es gibt eine Menge an passiven Mitgliedern – und wenige aktive Mitglieder.

Beispiel 1: MeinVZ
Beim TweetUP gestern Abend in Heilbronn wurde mindestens 100 mal über StudiVZ und MeinVZ als die Community Platform gesprochen, bei der sich wohl alle tummeln. Kurzum, ich musste mich heute einfach auf dieser Plattform einloggen – um festzustellen, dass ich mich im Frühjahr 2008 dort angemeldet hatte und seither nicht mehr online war. Das einzige was ich dort gefunden habe war eine Einladung zu einer Gruppe meines Luftsportvereins.

meinvz_acl

Im August 2008 wurde eine Gruppe gebildet, zu der ich eingeladen wurde. Bislang hat diese Gruppe 4 Mitglieder und 0 Beiträge. Aus was besteht diese Gruppe somit? Rein aus einer Anzahl von Personen, die im gleichen Verein sind. Ohne Kommunikation und ohne dass es neue Mitglieder in diesen Gruppen gibt. Die Gründe, warum ich an dieser Gruppe dennoch teilnehme dürften die gleichen sein, warum ich auf Mitglied von einigen Gruppen bei Xing bin.

xing_allBeispiel 2: Xing
Bleiben wir bei der Fliegerei – Flugsimulatoren Gruppen  – ich hätte natürlich jetzt auch ein jedes andere Beispiel nehmen können. 80%-90% der Gruppen,  denen ich bei Xing angehöre, haben nicht wirklich viel “Vereinsleben”. Es gibt kaum Postings – oder es sind immer die gleichen, die Beiträge veröffentlichen. Eine Diskussion entsteht  selten, so haben Beiträge kaum Antworten. Wieso sieht man in meinem Profil aber die Zugehörigkeit von 19 Gruppen?

Ich bin ehrlich, für mich ist die Gruppenzugehörigkeit nichts anderes als ein Tagging meiner Person, klar hätte auch ein anderes Feld dafür verwendet werden können, aber die Anzeige der Gruppen ist für mich eine Art Wand mit Fotos oder Urkunden im heimischen Wohnzimmer: Besucher können sich ein Bild über mein Leben machen. Dennoch ist es zumindest für mich zu mühsam in die Gruppen einzeln reinzuschauen, ob es etwas gibt was meine Aktivität bekunden würde.

Beispiel 3: LinkedIn – Musst Du machen…
Bei der Organisation einer Veranstaltung wurde ich vor einigen Wochen gefragt, ob ich bereits eine Gruppe bei LinkedIn angelegt hätte. Meine Antwort: Nein – Grund ähnlich wie bei Xing wüsste ich nicht, wie ein Mehrwert aus dieser Gruppe generiert werden sollte. Nur um den Punkt “LinkedIn” als erledigt zu kennzeichnen braucht man keine Community dort zu gründen. Die smarteste Idee für Social Marketing eines Events hatte ich beim oben genannten TweetUp in Heilbronn erlebt: Einfach einen Doodle Link twittern – nicht mehr und nicht weniger.

Beispiel 4: Facebook – wer sieht es?
Das Problem bei Facebook ist zumindest für mich die Vermischung von Privat und Beruflich. Dort gibt es sowohl die Gruppen für meine Fachthemen als auch die Gruppen für private Dinge wie eben die Fliegerei. Allein aus der Angst heraus, dass etwas in meiner Timeline steht, was ich in der einen oder anderen Gruppe schreibe – schreibe ich dort nichts. Dennoch nutze ich Gruppen dort ähnlich wie bei Xing – als Tagging meiner Person.

Zusammengefasst: Ich bin zwar bei vielen Gruppen auf verschiedensten Plattformen, aber zeige nur wenig Aktivität in diesen Gruppen.

Bin ich daher sozial inaktiv?
Auf mich persönlich würde ich diese Frage mit einem Nein beantworten. Sozialer vernetzter – als noch vor den ganzen Plattformen die oben beschrieben wurden. Aber diese Bindungen sind flüchtiger geworden. Ähnlich den Arbeitsplätzen, bei denen man nicht davon ausgehen kann, das ganze Leben beim gleichen Arbeitgeber zu bleiben – Sind auch meine Zugehörigkeiten zu Communties nur zeitlich begrenzt. Alle oben aufgeführten Systeme haben aber genau darin eine Schwäche und sorgen damit in ihren Gruppen/Communities zu Karteileichen, die zwar für schöne Zahlen sorgen, mit denen man Budget bekommt – nicht aber auf Nutzen schließen lassen.

Was sind meine Communities heute?

  • Tweets und deren Replies
  • Blog Posts und deren Kommentare (inkl. Tweetbacks / vergl. Micro Communities )
  • E-Mails und deren Verteilerlisten

Soziales Netzwerk der Zukunft?
Keine großen Worte – Meta Tags – Meta Information – Verlinkung – Vergänglichkeit.
Was mir vorschwebt ist eine einzige Seite, bei der man eine Art Tagcloud – bzw Icons/Stickers sieht, die meine Person beschreiben. Sticker kann ich mir entweder selbst zuweisen. Durch Monitoring meines Verhaltens (Followen bei Twitter, Timeline bei Facebook) etc.. etc… können diese Stickers mir auch von Systemen dynamisch verliehen werden. Sticker haben immer Haltbarkeitszeiten – nach einer definierten Zeit muss ich sagen, ob ich immernoch diesen Sticker haben möchte. Sticker, die ich von Fremden angeheftet bekomme kann ich ablehnen oder annehmen. Klickt man auf einen Sticker, sieht man wer sonst noch diesen trägt. Zu jedem Sticker kann eine Webseite (Fan Page) erstellt werden, die weitere Informationen enthält – und eine Kommunikation zwischen den Trägern ermöglicht.

Gibt es solch einen Dienst bereits?

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  • Thorsten, mein Link auf diesen Artikel hat nicht funktioniert, sorry (hast du ein Plugin wp-cache eingebaut? das war in der URL). Jetzt gehts. Aber mein Trackback hierher erscheint nicht - abgestellt? Setze doch ein Trackback zu meinem Artikel, nicht zu meinem Profil, damit die Leser/innen das Gespräch verfolgen können :-)

    Außerdem habe ich einen 2. Teil geschrieben:
    http://rette-sich-wer-kann.com/zusammenleben/ge...

    Bringt vielleicht etwas mehr Licht ins Dunkel.
  • Wie gestern im Chat bereits "angedroht" ist der Link geändert auf den Artikel... Danke nochmal für den Input!
  • Es ist halt leider so, dass wir zwar von einem Mitmach-Web reden aber es de facto keines gibt. 90 % der Benutzer sind Leser, 8 % sind Frager und nur 2 % sind aktive Mitmacher.
    Ich will niemanden "animieren", dass er etwas macht oder schreibt. Sondern ich poste meine Gedanken oder mein Wissen und denke vielleicht interessiert es irgend jemanden. Aber ich überlege ob meine Gedanken jemanden interessieren können. Twittermeldungen wie "Ich muss mir jetzt die Nase putzen!" sind zwar amüsant, aber ... Gestern hab ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass ich eine einfache Frage in Twitter gepostet habe und - wie zu erwarten - keine Antwort. Erst als ich die einzelnen Twitterer persönlich anschrieb erhielt ich Antwort. Es ist wie oben geschrieben kein Mitmach-Web und Twitter schon garnicht. Das ist halt eher ein Kanal wo alle reden und wenige den anderen hören.
    Ich bin absolut nicht der Meinung von Hannelore, dass man viele lose Enden braucht um gefunden zu werden. Es ist einfach so, dass man diese losen Enden auch betreuen sollte und das kostet immens viel Zeit. Ich betreue drei eigene Blogs und einige berufliche und noch einige webSites dazu. Weiters kommen noch einen Mitgliedschaften in sozialen Netzwerken. Auch diese wollen betreut, gesichtet und auch aktiv gehalten werden. Weil ich verstecke mich ja nicht hinter einer neuen Identidät im Web, sondern ich bin ich selbst. Daher muss ich auch präsent sein und nicht einfach nur ein Photo von mir in die Gesprächsrunde stellen (Was einem losen Ende oder einer Karteileiche entspricht.). Das alles kostet Zeit, auch wenn man wie Hannelore sehr zeitoptimiert arbeitet. Und am Ende des Tages muss etwas überbleiben und reine Energie und Zufriedenheit, gibt mir vielleicht ein Gefühl der Ausgeglichenheit, aber es macht mich nicht satt.
  • Thorsten, du schreibst:
    "wenn man versucht eine Gruppe zu einer Aktion zu animieren, dass man immer weniger Feedback bekommt"

    Vielleicht liegt das nicht an der Gruppe oder den Leuten, sondern am Ansatz, andere animieren zu wollen. Wenn du etwas Tolles zu bieten hast, machen die Leute mit. Beispiel: Twitter. Und tausende andere Start-ups, die angenommen werden (oder nicht).

    Ich hatte gerade heute zwei Begegnungen, die das verdeutlichen. Eine wollte ihren Facebook-Account löschen, weil sie wenig damit macht. Das entspricht deinem Satz "Damit wird es schwer abzuschätzen ob noch Interesse besteht."

    In unserem "richtigen Leben" sind wir nicht an Gemeinschaft gewöhnt. D.h. wir halten uns nicht für Beziehungen offen, für Begegnungen, wenn "die Zeit reif" ist. Wir gehen linear durchs Leben, hinterlassen möglichst keine losen Enden, und handeln nicht netzwerkartig.
    Mit dem Internet, speziell Web 2.0 hat sich das geändert.
    Ich habe hunderte solcher losen Enden im Web, sprich passive Accounts.

    Die zweite Begegnung heute hat mir das klar gemacht. Sie emailte nach langer Kommunikationspause: "Ich habe ein wenig bei Dir gesurft und bewundere Deine Präsenz im Web 2.0! Wenn ich nur soviel Zeit zum Schreiben hätte!"

    Das ist nicht Zeit, sondern eine Sache der Priorität. Ich kommentiere lieber hier, weil das Thema zwischen dir und mir jetzt aktuell und lebendig ist, als dass ich mir auf einer Grillparty die Stories von der letzten Reise oder über den Chef anhöre. Damit habe ich ja nichts zu tun.

    Das Web 2.0 ist ein Ort der Fülle, eigentlich Überfülle. Das sind wir nicht gewohnt, weil wir in einer Mangelgesellschaft leben. Diese Fülle zwingt zum Loslassen und Seinlassen. Hier und jetzt spielt die Musik. Hier und jetzt mache ich mit. Hier und jetzt gefällt mir Twitter etc. oder auch nicht. Was morgen ist? Keine Ahnung. Wo ich mich gestern angemeldet habe? Noch weniger Ahnung.

    Ich habe gelernt "If the news is important, it will find me" - das Gleiche gilt für Dienste, Tools und natürlich Menschen.

    ps Und wegen "keiner Zeit" zum socializen, bloggen usw.: Ich schreibe diesen Kommentar gleich so, dass ich ihn auf meinem Blog veröffentlichen kann ;-) D.h. ich habe was zum Publizieren, du bekommst einen Link und die Leser/innen freuen sich = win-win = re-purpose = Web 2.0
  • Gut beobachtet, sehe ich auch so. Nur: "Alle oben aufgeführten Systeme haben aber genau darin eine Schwäche und sorgen damit in ihren Gruppen/Communities zu Karteileichen, die zwar für schöne Zahlen sorgen, mit denen man Budget bekommt - nicht aber auf Nutzen schließen lassen."

    Warum ist das eine Schwäche? Warum muss alles immer und sofort einen Nutzen haben? Manchmal entsteht eine Beziehung mit einer "Karteileiche", weil die mal irgendwann in der Vergangenheit einen Kommentar geschrieben hat, auf den ich mich - weil die Zeit reif ist - nun beziehe.

    'Karteileiche' ist ein Ausdruck aus einer Zeit und Realität, als man mit Papierbergen zu kämpfen hatte. Im Internet ist Platz :-)
  • Ok Karteileiche wie Vereinsvorstand :) - Im Internet ist wirklich genug Platz für Karteileichen. Und das Internet vergisst auch nicht. Jedoch sieht man gerade dann, wenn man versucht eine Gruppe zu einer Aktion zu animieren, dass man immer weniger Feedback bekommt. Damit wird es schwer abzuschätzen ob noch Interesse besteht. Mitglieder, die vielleicht ihre Interessen geändert haben werden nur belästigt - und für einen selbst bleibt offen, ob man Resonanz findet oder nicht.

    Nutzen... Communities brauchen keinen Nutzen... bestimmt nicht. Aber doch, sie sollen etwas uns ein "Wir" Gefühl vermitteln. Genau das machen aber Communities nicht, die nur aus Passivität bestehen. Der schönste Beweiß, das Nutzen nicht immer im Vordergrund stehen soll ist wohl Twitter - welches definitiv vor einer Kosten/Nutzenanalyse zum Erfolg wurde. Gerade bei dieser Plattform empfehle ich auch jedem erst einmal ansehen, und später schauen, ob man daraus einen Nutzen zieht (der übrigens sehr stark von einem selbst abhängt).
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